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Bauboom in Deutschland vs. Fachkräftemangel – Welche Weichen jetzt gestellt werden müssen!

Ein Kommentar von Jan Slingerland – Leiter berufliche Bildung GFBM gGmbH
zentrumsleiter_slingerland„ Deutschland, wo sind deine Handwerker“, war unlängst eine vielsagende Überschrift bei einem Zeit-online-Artikel.

Die Autorin beschreibt darin die Auswirkungen des Baubooms auf uns als Konsumenten und zieht Rückschlüsse auf den aktuellen Fachkräftemangel und die daraus resultierenden zukünftigen Anforderungen. [1]

Und ja, von diesen Erfahrungen können vermutlich viele von uns berichten.

Werfen wir mal einen genauen Blick auf die Baubranche in der Region Berlin-Brandenburg: Der Trend ist hier analog zum Bundestrend, vermutlich in der Hauptstadtregion noch größer als in anderen Landesteilen.

2016 lag die Anzahl der im Ausbaufachgewerbe registrierten Unternehmen bei 333 mit insgesamt 14.587 Beschäftigten. Dabei wurde ein Umsatz von 1,79 Mrd. Euro erzielt. Im Land Brandenburg wurden mit 274 registrierten Unternehmen und 10.000 Beschäftigten insgesamt 1,06 Mrd. Euro Umsatz erzielt. [2]

Im ersten Quartal 2017 lag die Anzahl der Beschäftigten bei 15.873 und stieg zum zweiten Quartal auf 16.163. Diese erzielten im ersten Quartal insgesamt 383 Mio. Euro Umsatz und konnte sich zum zweiten Quartal auf insgesamt 427 Mio. Euro steigern.[3]

Wie wirkt sich das auf die Fachkräftesicherung und die Nachwuchsplanung im Baubereich aus?

Volle Auftragsbücher müssen abgearbeitet werden und Auftraggeber müssen derzeit lange auf den nächsten freien Termin warten. Viele Betriebe in der Hauptstadtregion sind Kleinbetriebe, in denen die Unternehmer*innen selbst mit anpacken müssen, was oftmals nur auf Kosten der Personalakquise geht. Hinzu kommt, dass die Akquise von Fachpersonal kosten- und vor allen Dingen zeitintensiv ist. Die Fragen der Fachkräftesicherung rücken also in den Hintergrund und finden aufgrund der aktuellen guten Auftragssituation keine Berücksichtigung in der strategischen Planung. Für die Zukunftsfähigkeit der Branche ist ein Umdenken unabdingbar, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.

Wie kann diese Herausforderung in der Zukunft gelöst werden?

1. Die Attraktivität der Berufe und der Branche muss besser vermittelt und besser dargestellt werden.

Die Berufe des Ausbaugewerbes sind für viele potenzielle Auszubildende nicht attraktiv. Tariflöhne, die unter denen der Industrie liegen, eine starke körperliche Belastung und Arbeitsbedingungen, die oft vom Wetter beeinflusst sind. Kurz: In klassischen Bauberufen muss man sich dreckig machen.

Warum also sollten sich junge Menschen für einen Bauberuf entscheiden?

Zum Beispiel wegen der hohen Flexibilität der Lehrberufe! Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit der einzelnen Gewerke lernen Mitarbeiter*innen andere Tätigkeitsbereiche kennen und bilden nicht ausschließlich Expertentum heraus. Die Aufgabenbereiche sind sehr abwechslungsreich! Mit vielen wechselnden Auftraggebern stellen sich immer wieder andere Herausforderungen an die zu verrichtende Arbeit. Die Vergütung ist attraktiv: Mit einem Mindestlohn in Höhe von 14,80€ ab 01.01.2018 in Berlin (für Brandenburg liegt dieser bei 11,75€) zahlt die Branche mehr als andere vergleichbare Branchen. In Anbetracht der anziehenden Konjunktur in diesem Bereich sind hier auch eher weiter steigende Löhne zu erwarten.

Diese positiven Aspekte müssen sich Arbeitgeber, Verbände und Kammern zunutze machen und die Attraktivität für junge Menschen erhöhen. Ein Schwerpunkt liegt hier in der Aufklärungsarbeit und der Darstellung der Tätigkeitsbereiche.

2. Vorhandene individuelle Lösungen zur Qualifizierung von potenziellen Mitarbeiter*innen müssen genutzt werden.

Es gibt bereits verschiedene Optionen für Betriebe, dem Fachkräftemangel entgegenzutreten. Neben der klassischen dualen Ausbildung besteht die Möglichkeit, die Absolvent*innen von Umschulungen im Rahmen von betrieblichen Phasen kennenzulernen und für den eigenen Betrieb als Mitarbeiter*innen zu gewinnen.

Über die betriebliche Umschulung können Betriebe mit Förderung der jeweiligen Leistungsträger eigene Umschüler*innen ausbilden. Unterstützung in den theoretischen Teilen der Ausbildung bekommen die Unternehmen von externen Partnern. Somit verringert sich der eigene Aufwand für Umschulungen stark.

Ein weiteres wirksames Instrument ist die Nachqualifizierung. Die Schulung und Ausbildung von Mitarbeiter*innen in einzelnen Teil- und Fachbereichen spart Zeit und Geld und ist meist auch nebenberuflich möglich. Nachweisbare Berufserfahrungen werden für den Erwerb eines Gesellenbriefs angerechnet und verkürzen somit die Ausbildungszeit. Potenzielle Mitarbeiter*innen werden in einzelnen Modulen qualifiziert, um entweder unter Anrechnung der bisherigen beruflichen Vorerfahrungen den Berufsabschluss zu erreichen oder sich fachspezifisch in Modulen weiterzubilden.

Umschulungsangebote der GFBM

3. Einstellung und Qualifizierung von ausländischen Mitarbeiter*innen.

Um qualifiziertes Personal zu finden, kann ebenso das Potenzial ausländischer Mitarbeiter*innen genutzt werden. Gerade im technisch-gewerblichen Bereich kommen viele Menschen mit beruflicher Vorerfahrung nach Deutschland und bei guten Sprachkenntnissen sind hier die Hürden in den Arbeitsmarkt leicht zu nehmen.

Schwierig wird es bei unzureichenden Sprachkenntnissen, wenig beruflicher Vorerfahrung und aufenthaltsrechtlicher Einschränkungen. Für viele Unternehmen, vor allen für Kleinunternehmen, ist das nicht immer der Königsweg, um sich dem Fachkräftemangel entgegenzustellen. Dazu sind die formalen Anforderungen an die Eingliederung in Deutschland sehr hoch. Auch die mangelnde Flexibilität der BAMF-Sprachkurse steht einer schnellen Arbeitsmarktintegration im Wege.

Modellprojekt Geflüchtete in Arbeit

Fazit:

Es gibt Wege und Möglichkeiten für Betriebe, dem Fachkräftemangel entgegenzutreten. Die Betriebe müssen sich auf den Weg machen, diese Hürde für sich perspektivisch zu lösen, um dem erwarteten weiteren Anstieg der Nachfrage ein entsprechendes Angebot entgegenstellen zu können. Zuletzt stellt sich bei vielen Betrieben – nicht akut, aber perspektivisch ­– auch die Frage einer Nachfolgeregelung. Diese ist eng verknüpft mit der Fachkräftesicherung und sollte von daher nicht aus den Augen verloren werden.

 

Quellenangaben:

[1] Vgl. Zeit Online vom 25. November 2017: Bauboom – Deutschland, wo sind Deine Handwerker?

[2] Vgl. Statistische Ämter der Länder und des Bundes: http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb14_jahrtab29.asp

[3] Vgl. Statistische Ämter der Länder und des Bundes: http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_zs14_bl.asp