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GFBM als Expertin gefragt, Interview zum Internationalen Austausch in Tel-Aviv

Die GFBM gGmbH wurde eingeladen, in Tel Aviv bei einem internationalen (deutsch-israelischen) Austausch als Expertin aufzutreten. Mitglieder der Delegation waren das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Industrie- und Handelskammer Berlin, das Forschungsinstitut betriebliche Bildung (f-bb), das Bundesinstitut für berufliche Bildung (BiBB), die Bundesagentur für Arbeit, einige Unternehmen und Bildungsträger aus ganz Deutschland. Thema der Reise war die sprachliche und gesellschaftliche Integration von Migrant*innen und Geflüchteten.

Orginaltitel: VET and the social integration of immigrants and refugees in Israel and Germany

Wir haben mit Frau Hochstein, der Leiterin von sprachfördernden Projekten im Kontext der Arbeitsmarktintegration, gesprochen.

Hallo Frau Hochstein, was war denn der Anlass für die Reise nach Israel und warum wurde die GFBM gGmbH ausgewählt, dort als Expertin zu referieren?

Anlass war ein Seminar, organisiert als bilateraler Austausch (Anmerkung: durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Manpower Training and Development Bureau des israelischen Ministry of Labor, Social Affairs and Service), mit dem Fokus auf sprachlicher und gesellschaftlicher Integration von Geflüchteten und Migrant*innen und der Frage, ob Deutschland von Israel lernen kann.

Die GFBM wurde aufgrund Ihrer Erfahrung als Zuständige für verschiedenartige Sprachkurse zur Arbeitsmarktintegration von Migrant*innen gebeten, einen Vortrag „Best Practice“ zum Thema Spracherwerb auf der operativen Ebene halten. Das war dann mein Part.

Welchen Bezug haben Sie zu diesem Thema?

Ich selbst habe vor 20 Jahren in einem Programm für Aussiedler*innen (besonders Kinder und Jugendliche) bei der GFBM begonnen und bin diesem Thema in verschiedenen Stationen bis heute treu geblieben.

Diese Erfahrung hat mir nochmal verdeutlicht, wie elementar wichtig Sprache ist und welche Anstrengung es für Migrant*innen sein muss, Sprache, Arbeit und tägliches Leben zu bewältigen.

Wie stellt man sich einen internationalen Austausch vor: Sie sitzen zusammen und diskutieren über den besten Weg der Integration oder jeder hält einen Vortrag? Wie läuft so ein internationaler Austausch ab?

Das Seminar war eine Mischung aus Vorträgen und Besuchen in Bildungseinrichtungen, Trainingszentren. Die Vorträge wurden nach einem bestimmten Plan gehalten: Es gab je einen deutschen und einen israelischen Beitrag, der strukturellen und operativen Ebene und im Anschluss wurden in Kleingruppen Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie Transfermöglichkeiten diskutiert, erarbeitet und dokumentiert.  

Die Besuche der Einrichtungen waren hochinteressant und haben das von israelischer Seite Gehörte besonders verdeutlicht. Beispielsweise waren wir in einer, nein der israelischen Back- und Kochschule Tira Culinary School und konnten sehen, riechen und vor allem schmecken wie gut berufliche Ausbildung und Integration funktioniert. Zum Abschluss erhielten wir dort sogar eine Uhr mit Motiven der Culinary School als Gastgeschenk.

Der Besuch des Riyan Trainingscenter war für mich sehr aufschlussreich. Dort werden junge arabische Migranten, insbesondere Frauen, zur Teilhabe am israelischen Arbeitsmarkt vorbereitet. Sie werden in allen Belangen des täglichen Lebens unterstützt und geschult und für die Arbeit bestmöglich fit gemacht. Das geht vom Spracherwerb (Hebräisch) über die Bewerbung bis hin zur Praktikumsvermittlung, beinhaltet aber bspw. auch den Umgang mit eigenem Geld. Was mir gut gefallen hat, ist, dass Sie auch lernen, die Herausforderung zwischen traditionellem arabischen Rollenbild und beruflicher Zukunft und Eigenständigkeit zu meistern.

Persönlich war es eine tolle Erfahrung einmal von außen auf die eigene Arbeit zu schauen und vor allem selbst zu spüren, wie sich ein Neuankömmling fühlen muss. Stellen Sie sich vor, Sie können kein Straßenschild, keinen Hinweis, keinen Busfahrplan oder Ähnliches lesen und versuchen, sich zurechtzufinden. Das ist anstrengend und verlangt viel Energie. Alleine die ganze Zeit während der Reise zwischen Englisch, Deutsch und der Simultandolmetscherin aus dem Ohrhörer (Anmerkung: aus dem Hebräischen oder Arabischen) zu wechseln, hat mich und auch die anderen Teilnehmer der Reise gefordert. Diese Erfahrung hat mir nochmal verdeutlicht, wie elementar wichtig Sprache ist und welche Anstrengung es für Migrant*innen sein muss, Sprache, Arbeit und tägliches Leben zu bewältigen.

Worauf lag denn das Interesse ihrer Zuhörer, wo gibt es in Israel die größten Herausforderungen und sind diese vergleichbar mit Deutschland?

Die Teilnehmer*innen waren sehr dankbar für die praxisnahen Beispiele und die detaillierten Schilderungen der Herausforderungen in der praktischen Umsetzung von Berufssprachkursen und Integrationsprojekten.

Ein grundsätzlicher Vergleich zwischen beiden Ländern ist schwer möglich, da Israel „nur“ gewollte Einwanderung zulässt. Dadurch stellt sich für die meisten Migrant*innen die Frage nach Bleiben und Perspektive nicht. Die Herausforderung in Israel bezieht sich daher auf zwei große Bevölkerungsgruppen: Die Ultraorthodoxen, die vom Gesetz her nicht arbeiten müssen und die arabischen Israelis, deren Teilhabe am Arbeitsmarkt deutlich gesteigert werden muss. Auch die sprachliche Herausforderung besteht natürlich. Arabisch ist zwar zweite offizielle Amtssprache, aber für die Integration auf dem Arbeitsmarkt ist es trotzdem notwendig, Hebräisch zu lernen. Aber auch für Arbeitgeber wird es immer wichtiger, die arabischen Migrant*innen zu verstehen. Eine Parallele lässt sich durchaus bei der schulischen Bildung der Einwanderer z.B. aus Afrika ziehen: Juden aus Somalia oder Eritrea bringen i.d.R. eine geringere Schulbildung mit als europäische Juden. Insgesamt hat Israel aber einfachere und klarere Strukturen in der Zuwanderung, da sie, wie schon gesagt, nur gewollte jüdische Einwanderer aufnehmen und die berufliche Integration bereits nach 500 Stunden Hebräisch erfolgt und der Spracherwerb dann nur begleitend ist.

Es scheint, als ob eine Passgenauigkeit zwischen vorhandenen Kompetenzen und aktuellen wirtschaftlichen Bedarfen hergestellt wird.

Was nehmen Sie mit für Ihre Arbeit hier in Deutschland?

Ganz klar: Den positiven, bedarfsorientierten Ansatz in der Integration. Nicht OB, sondern WIE!
In der Arbeit mit Geflüchteten und Migranten stellt sich in Deutschland immer die Frage, ob etwas möglich ist, wer bezahlt das, wie sehen die Zugangsvoraussetzungen aus, stimmen die Zeugnisse usw. Mein Eindruck vom israelischen Weg ist, dass Integration besonders auf dem Bedarf des Arbeitsmarkts basiert. Es scheint, als ob eine Passgenauigkeit zwischen vorhandenen Kompetenzen und aktuellen wirtschaftlichen Bedarfen hergestellt wird. Es geht um einen schnellen Weg in die Arbeit und danach folgende Qualifikationen im Arbeitsleben. Auch der Spracherwerb ist größtenteils berufsbegleitend und findet somit in realen Situationen statt. Ein bisschen mehr von diesem Ansatz würde ich mir in Deutschland wünschen und werde ihn auf jeden Fall in meine tägliche Arbeit aufnehmen.

Und zum Schluss: Hatten Sie auch ein wenig Zeit Land und Leute kennenzulernen?
Was hat Sie besonders beeindruckt?

Die tolle Lage am Meer hat mir sehr gut gefallen. Wir waren in Tel Aviv und diese Stadt ist eine sehr moderne, sehr lebendige, junge Stadt. Da ich sehr an Architektur interessiert bin, haben mich die über 4000 denkmalgeschützten Gebäude im Bauhausstil und die Hochhäuser, die gen Himmel wachsen, sehr beeindruckt. Leider hatte ich nicht so viel Zeit, Einheimische zu treffen oder gar kennenzulernen, aber im Rahmen der Seminare und Besuche bin ich mit vielen interessanten Menschen zusammengekommen. Ich habe aber auch gemerkt, wie wenig ich eigentlich über Israel weiß und lese jetzt etwas über des Judentum und Israel. Die ersten Eindrücke verlangen nach mehr und ich werde das Land sicher noch einmal bereisen.

Herzlichen Dank für Ihre spannenden Schilderungen.

Gerne und bis bald.

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