Header Menu

Integrationslotse – ein Job zwischen den Welten

13.03.2018 -Franko Schulz

Herr Oumeirat ist 42 Jahre alt und lebt in Berlin. Er ist selbst als Geflüchteter nach Deutschland gekommen. Mit seinen Eltern und seinen neun Geschwistern ist er vor 36 Jahren aus dem Libanon direkt nach Berlin gezogen. Wir haben uns mit ihm getroffen, um zu erfahren, was ihn antreibt, warum er Integrationslotse ist und wie er seine Aufgabe als „Lotse zwischen den Welten“ versteht. Walid kommt sehr pünktlich zum Interview und hat eine Menge Material mitgebracht. Fotos von seinen Schützlingen und von Prominenten die Einrichtungen besucht haben, in denen er als Lotse tätig ist. Sehr stolz ist er auf ein Foto mit der Verteidigungsministerin Ursual von der Leyen. Auch Fotos vom Berliner Bürgermeister Michael Müller und anderen Persönlichkeiten hat er dabei. Ganz besonders leuchten seine Augen aber, wenn er die Fotos „seiner Mannschaften“ zeigt, mit denen er regelmäßig an Fußballturnieren teilnimmt.

Dazu im Interview mehr:
Oumeirat (1)

F.S.: Hallo Herr Oumeirat!

W.O.: Hallo, wir können uns ruhig duzen. Ich hoffe, das ist OK? Ich bin Walid.

F.S.: Gerne, ich bin Franko. Zu meiner ersten Frage: Was hat dich bewegt, dich als Integrationslotse zu engagieren und bei der GFBM zu bewerben?

W.O.: Als die Geflüchteten in den letzten Jahren immer mehr wurden, habe ich mich entschlossen zu helfen. Ich war eigentlich in einer Securityfirma, die auch in Flüchtlingsunterkünften gearbeitet hat. Bereits dort habe ich gemerkt, dass mir die direkte Arbeit und das unmittelbare Helfen liegt und ich schnell einen guten Draht zu den Leuten habe. Deswegen habe ich mich beworben und bin nun schon seit 2015 Integrationslotse.

Man muss ja wissen, dass es gar nicht so einfach ist, die Regeln, Gesetze und besonders das Verhalten des deutschen Staates und der deutschen Bürger zu verstehen.

 

F.S.: Woher kam der Wunsch, dich so direkt einzubringen?

W.O.: Als ich sechs Jahre alt war, kamen wir mit meiner Familie in Deutschland an. Meine Eltern waren völlig auf sich allein gestellt und haben in einem fremden Land sehr gelitten. Das hat mich geprägt! Ich musste als Kind schon immer mit meinem Vater mitgehen und ihn unterstützen. Das alles zusammen hat glaube ich dazu geführt, nun selbst Unterstützung zu geben und den Menschen zu helfen.

F.S.: Wie nehmen denn die Menschen deine Unterstützung auf?

W.O.: Die meisten sind sehr dankbar. Man muss ja wissen, dass es gar nicht so einfach ist, die Regeln, Gesetze und besonders das Verhalten des deutschen Staates und der deutschen Bürger zu verstehen. Da sind die meisten doch sehr dankbar, dass wir Ihnen zur Seite stehen und ihnen helfen, das Leben und die Menschen hier in Deutschland zu verstehen.

F.S.: Was konkret machst du bzw. macht ihr als Integrationslotsen? Gibt es ein Standardangebot? Wie ist denn die Stelle Integrationslotse umschrieben?

W.O.: Wie schon gesagt, begleiten wir Geflüchtete zum Beispiel wenn es in die Ämter geht. Beantragung von Wohnberechtigungsscheinen, Klärung des Aufenthaltsstatus, Anträge zu Integrations- und Sprachkursen. Das ist sehr individuell. Wir besprechen und erklären auch die Regeln. Was für uns selbstverständlich ist, ist es für einen Großteil der Neuankömmlinge eben nicht. Zum Beispiel: Schulpflicht, Elternpflichten, die Einhaltung von Fristen, das Ausfüllen von Formularen usw. Da ist ab und zu auch mal für mich etwas Neues dabei. Wir arbeiten aber auch auf der persönlichen Ebene: Wir vermitteln die Kulturunterschiede und versuchen, ein gewisse Stabilität zu gewährleisten, damit ein Neuanfang möglich ist. Viele der Menschen, die ich betreue, sind traumatisiert und müssen sich zusätzlich an ein neues Land und eine neue Umgebung gewöhnen. Genau dabei versuche ich zu helfen.

Aber nach meiner Erfahrung überwiegen die positiven Dinge und die Motivation, sich hier bei uns ein neues Leben aufzubauen.

F.S.: Das hört sich sehr allgemein an. Kannst du uns vielleicht kurz ein Beispiel nennen?

W.O.: Erst seit kurzem betreue ich eine Familie, die beiden Elternteile und vier Kinder. Wir haben anfangs sehr viele Gespräche geführt und Vertrauen geschaffen und dann sind wir einfach Schritt für Schritt vorgegangen: Erst haben wir einen Integrationskurs für die Eltern gesucht. Dann haben wir vermittelt und organsiert, dass die Kinder in die Schule müssen. Sprache ist das A und O, um hier neu zu starten. Als wir bemerkt haben, dass besonders die Kinder eventuell traumatisiert sein könnten, wurde ein Psychologe hinzugezogen. Jetzt hat diese Familien eine Wohnung und die Kinder haben sehr schnell Fuß gefasst. Sie haben Freunde in der Schule und freuen sich darauf, jeden Tag etwas zu lernen. Wir haben dann zwischen den Nachbarn und unserer Familie vermittelt. Mittlerweile sind sie in die Nachbarschaft voll integriert, werden zu Grillabenden eingeladen und kochen sogar gemeinsam. Das ist insgesamt der große Eindruck von den (meinen) Berlinern – fast alle haben die „Neuankömmlinge“ gut aufgenommen. Es gab Willkommensgeschenke, gemeinsames Kochen, Kuchen und ähnliches. Es macht mich stolz, dazu beizutragen.

F.S.: Das hört sich alles toll an! Gibt es denn auch schwierige Fälle oder Probleme?

W.O.: Ja klar! Es gibt auch einige, die sich nicht integrieren wollen. Viele wollen auch schnellstmöglich wieder zurück. Meistens liegt das an völlig falschen und enttäuschten Erwartungen. Meistens sind es alleinstehende Männer. Sie wollen so schnell wie möglich ihre Familien nachholen und verspüren deswegen großen Druck. Da rückt dann alles andere in den Hintergrund und sie sehen keine Veranlassung, unsere Angebote wahrzunehmen und sich aktiv zu integrieren. Leider gibt es besonders in den Unterkünften auch Kriminalität und Ärger. Aber nach meiner Erfahrung überwiegen die positiven Dinge und die Motivation, sich hier bei uns ein neues Leben aufzubauen.

Wir stellen immer den Teamgedanken in den Mittelpunkt und die Herkunft spielt keinerlei Rolle.

F.S.: Das ist ein gutes Stichwort. Was sagst du, schätzen die Geflüchteten am meisten an Deutschland?

W.O.: Die meisten, besonders die Familien, nennen mir immer zwei Sachen. Erstens: Sicherheit! Das bedeutet, dass es Regeln und Gesetze gibt und sich alle auch daran halten und halten müssen. Diese Verlässlichkeit empfinden viele als sehr großes Glück und als Freiheit. Und zweitens ist es die Bildung! Es ist immer wieder witzig, wenn wir von der Schulpflicht berichten. Das ist für die meisten echt toll. Diese Chance auf Bildung ist meistens auch unser größter Motivationshebel. Nur durch Bildung, und das ist fast allen bewusst, erreichen sie eine gewisse Unabhängigkeit und eigenes Einkommen.

F.S.: Du hast vorhin gesagt, dass gemeinsame Aktivitäten wie Kochen und Sport verbinden. Habt ihr da auch Anteil daran, dass solche Aktivitäten stattfinden?

W.O.: Das ist mein Lieblingsthema. (lacht sehr laut auf) Kinder und Jugendliche kommen über den Sport sehr schnell zusammen und in den meisten Fällen spielt die Herkunft überhaupt keine Rolle. Ich bin sehr fußballverrückt und habe selber leidenschaftlich Fußball gespielt und versuche nun, diese Leidenschaft weiterzugeben. Meistens stellen wir erst einmal selbst eine Mannschaft zusammen und ich coache diese in meiner Freizeit. Das hält mich auch selbst ein wenig fit.

Walid Oumeirat und Mannschaft beim Fußballtunier des DFB. Mit auf dem Bild Ex-Profi Jimmy Hartwig

 

Das Ziel ist aber, die Kids in Vereine zu vermitteln, damit ein weiterer wichtiger Schritt zum Ankommen gemacht werden kann. Das klappt super. Wir stellen immer den Teamgedanken in den Mittelpunkt und die Herkunft spielt keinerlei Rolle. Es entstehen Freundschaften und die Vereine nehmen das gerne an. Mittlerweile ist dort ein richtiges kleines Netzwerk entstanden.

F.S.: Und irgendwann trittst du im Sportstudio auf, als Entdecker eines Fußballstars.

W.O.: Ja, das wäre lustig! (lacht)

F.S.: Danke Walid für diesen persönlichen Einblick in deine Arbeit und dein Wirken als Integrationslotse.

 

Mehr zum Projekt „Mobile Losten für Berlin“ Qualifizierung Integrationslots*in – ab 01.10.18