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Interview „Gemeinsam schaffen wir das!“ – Ein Kooperationsprojekt von Wirtschaft, Schule und Jugendhilfe

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Bereits seit 15 Jahren kooperieren die Berliner Stadtreinigung, die GFBM gGmbH, die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, die Firma Gegenbauer sowie die Loschmidt-Oberschule miteinander, um für Jugendliche mit geringen Zukunftsaussichten eine berufliche Perspektive zu schaffen. Und das überaus erfolgreich: Durchschnittlich etwa 70 % der Teilnehmer*innen schließen das Projekt erfolgreich ab.

Judith Hochstein und Susanne Kuby, Mitarbeiterinnen der Gemeinnützigen Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen mbH, übernehmen die sozialpädagogische Betreuung der jungen Erwachsenen. Frau Kuby stand bei der diesjährigen Auftakt- und Abschlussveranstaltung Rede und Antwort. Wir fragten noch einmal genau nach.

 

Frau Kuby, wie genau funktioniert „Gemeinsam schaffen wir das“?

Ein Jugendlicher, der vom Jugendamt das grüne Licht hat, teilzunehmen, macht ein Jahr lang bei einer der Firmen, die das Projekt mittragen, ein Praktikum – bei der Berliner Stadtreinigung als Straßen- und Grünflächenreiniger oder bei der Firma Gegenbauer als Glas- und Gebäudereiniger. Wenn dieses Praktikum zur Zufriedenheit der Betriebe ausgeht, dann bekommen die Jugendlichen bei der BSR oder bei der Firma Gegenbauer einen Arbeitsvertrag. Sie können bei Gegenbauer auch in eine Ausbildung einmünden.

Die Jugendlichen haben während dieser Zeit die Möglichkeit zu üben, pünktlich zu kommen und generell verlässlich zu sein, sich beispielsweise auch rechtzeitig krank zu melden.kuby_bearb

Woher kommen Ihre Teilnehmer*innen, wer kann sich bewerben?

Das Projekt existiert bereits seit 15 Jahren. Inzwischen kommen die meisten über die Jugendberufsagenturen zu uns, die bei den Jobcentern angesiedelt sind. Dort sitzen Jugendamtsmitarbeiter*innen, Berufsberater*innen und Jobcenter-Mitarbeiter*innen nah beieinander. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort machen die Jugendlichen auf uns aufmerksam. Es gibt auch einige, die von Freunden vom Projekt hören. Auch die Berufsschulen spielen eine Rolle. Wir arbeiten mit einer Berufsschule zusammen, in die unsere Jugendlichen einmal die Woche gehen. Von dort kommen Teilnehmerinnen, die beispielsweise nach dem Schulabschluss ein Jahr sonderpädagogische Berufsschule absolvieren. Die Lehrer kennen unser Projekt, das dort schon seit 15 Jahren angesiedelt ist und machen Schüler, die zu uns passen könnten, darauf aufmerksam. Dann müssen die Interessenten aber erst einmal zur Jugendberufsagentur und wenn die sagen, wir können das finanzieren und begründen, dann besteht die Möglichkeit an „Gemeinsam schaffen wir das“ teilzunehmen.

Das Projekt wird also von der Jugendberufsagentur finanziert?

Vom Jugendamt. Die Jugendlichen bekommen ein bisschen Taschengeld und eine Fahrkarte. Die Betriebe stellen das Personal frei, das die Jugendliche anlernt. Unsere Teilnehmer haben keinen vollen Arbeitstag und eine längere Pause, was den normalen Arbeitsbetrieb ganz schön durcheinander bringen würde.

Wie lange sind Sie persönlich schon dabei?

Ich bin jetzt seit 2010 dabei, das ist jetzt gerade mein neunter Durchgang.

Was sind Ihre Aufgaben?

Meine Aufgabe – und die meiner Kollegin Judith Hochstein – ist, dass wir etwas machen, was die Betriebe nicht leisten können. Die haben keine Sozialpädagoginnen und keine Kapazitäten dafür, wenn irgendwas bei den Jugendlichen schief läuft. Zu schauen, woran es liegt und was man unternehmen muss, das ist unsere Aufgabe. Den Jugendlichen immer wieder erklären, warum es wichtig ist, pünktlich zu kommen, was das für den Betrieb bedeutet. Wir reden mit ihnen über Alltäglichkeiten, wie wichtig es ist, genug Schlaf zu bekommen und sich so zu ernähren, dass man nicht nach zwei Stunden ohnmächtig wird. Wir sprechen mit ihnen, wenn es Krisen gibt, wenn sie mal Krach untereinander haben oder wenn sie mit Mitarbeitern der Betriebe mal aneinander geraten – wie man sich dann verhält, wie man Konflikte lösen kann.

Wir machen das in der Form, dass wir die Teilnehmer jede Woche im Betrieb besuchen. Der Betrieb stellt uns Zeit und Raum zur Verfügung. Bei der BSR haben wir drei Betriebshöfe, auf denen jeweils fünf Jugendliche tätig sind. Mit den Gruppen besprechen wir, was in der Woche passiert ist, was gut und was nicht so gut gelaufen ist. Daraus entwickeln sich meistens Themen, die wir dann ein bisschen vertiefen. Die Teilnehmer müssen verstehen, warum es zum Beispiel einen Personalrat gibt und warum letztes Jahr eines Tages das Betriebstor geschlossen war, nämlich weil gestreikt wurde. Das sind Fragen, über die man mit ihnen sprechen muss. Natürlich haben wir auch übergreifende Themen in petto, wenn es gerade mal nichts Auffälliges gibt. Und wir sind in der Berufsschule einen Tag im Unterricht dabei, denn das Wissensniveau reicht vom funktionellen Analphabeten über den Schulabgänger ohne Abschluss bis hin zu Teilnehmern mit Schulabschluss, der aber in der Regel nicht gut ist. Wir unterstützen im Unterricht, damit auch die Schwachen nicht untergehen.

Haben die Teilnehmer auch Einzelgespräche?

Ja, die Einzelgespräche machen wir zum Teil in der Schule, weil wir sie dort leichter aus dem Unterricht herausnehmen können als in den Betrieben. Dort nämlich geht es nur im Anschluss an die Gruppengespräche. Wenn es ganz dringend ist, dann werden sie auch in unser Büro eingeladen. 

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Was war Ihr schönster Moment?

Es gab mehrere schöne Momente. Wir hatten einmal ein Mädchen dabei, genauer gesagt zweimal. Die eine hat früher aufgehört, aber die andere hat es geschafft. Es sind in der Regel fast immer Jungs, die sich für das Projekt interessieren.

Das Schönste ist wirklich, wenn einer, der schon mit einem Fuß im Knast stand, es in dem Jahr schafft, ein regelmäßiges Leben zu führen, sich an die Kandare zu nehmen, zu arbeiten und einen Vertrag zu kriegen und den dann auch noch verlängert zu bekommen. Das freut mich wirklich am meisten, weil die Chancen dieser Jugendlichen, eine geregelte Beschäftigung zu finden, einfach schlecht sind.

Schön ist auch zu erleben, wie viele in der Arbeit aufblühen, weil sie eine wichtige Aufgabe und Bewegung haben. Das ist so ein Kontrast zu dem, was sie vorher hatten – Schule, wo sie stillsitzen mussten. Wie toll das für sie ist, an der frischen Luft arbeiten zu können. Das freut mich dann, weil meine Teilnehmer Erfolgserlebnisse haben.

Aus welchen Fehlern haben Sie gelernt?

Grenzen setzen ist etwas, was mir manchmal nicht auf Anhieb gelungen ist. Zum Beispiel waren in einer Gruppe zwei Teilnehmer, die in den Gruppengesprächen immer wieder gestört haben. Ich gehe mit so etwas relativ tolerant um, weil ich denke, es bringt nicht viel in Opposition zu gehen. Dann kann ich sie nicht mitnehmen. Im Nachhinein weiß ich, dass ich früher hätte sagen müssen: Jetzt ist Schluss!

Was ist Ihr Ziel für den aktuellen Jahrgang?

Natürlich so viele wie möglich zum Abschluss eines Arbeitsvertrags bringen! Das müssen sie natürlich selber leisten. Das ist etwas, das ich mir immer wieder sagen muss: Es liegt nicht an mir. Es hat natürlich schon eine Bedeutung, wie und dass ich mit ihnen spreche. Es ist aber nicht das Wichtigste, dass sie es unbedingt schaffen. Es ist toll, wenn sie einen Vertrag kriegen, auf der anderen Seite können sie in dem Jahr auf jeden Fall etwas lernen, was sie als Person weiterbringt.

Wie schätzen sie die Zukunft des Projektes ein?

Ich denke, es wird so weiterlaufen wie bisher. „Gemeinsam schaffen wir das“ ist sehr erfolgreich im Vergleich zu anderen Maßnahmen. Wir wissen, dass die Jugendberufsagenturen sehr froh sind über dieses Projekt, weil sie den Jugendlichen, die Schwierigkeiten haben, einen Ausbildungsplatz zu bekommen und komplizierte Fachthemen zu lernen, wenig konkrete Angebote machen können. Für diese Jugendlichen gibt es so wenig und schon gar nichts in Arbeitsmarktnähe. Für die gibt es Maßnahmen über Maßnahmen, aber das bringt sie nicht unbedingt näher an eine Beschäftigung und eine Verdienstmöglichkeit ran. 

Vielen Dank, Frau Kuby!

Mehr über das Projekt „Gemeinsam schaffen wir das“ erfahren Sie hier. (LINK)