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Integration? – Bitte warten! –

Woher kommen die langen Wartezeiten und was kann dagegen getan werden?
Ein Kommentar von Günter Kühling, Bereichsleiter der Sprachförderung bei der GFBM gGmbH

Am 24. Dezember schreibt die FAZ: Das Flüchtlingsamt verfehlt 2017 seine selbst gesteckten Ziele: Während die Wartezeit für Integrationskurse auf drei Monate angestiegen ist, konnten nur halb so viele Flüchtlinge wie geplant an berufsbezogenen Sprachkursen teilnehmen. Der komplette Artikel kann unter nachfolgendem Link nachgelesen werden: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/fluechtlingsamt-bamf-lange-wartezeit-fuer-integrationskurse-15357225.html
Woher kommen nun die im Artikel beschriebenen langen Wartezeiten?

kuehling

Ein Erklärungsansatz: Grundsätzlich sollen sich Interessent*innen für einen Integrationskurs nach dem Beratungsgespräch beim Jobcenter innerhalb von einer Woche für einen Integrationskurs anmelden. Eine Anmeldung soll vom Integrationskursträger nur dann vorgenommen werden, wenn der Kurs innerhalb von sechs Wochen beginnt. Als Informationsplattform zu angebotenen Kursen bei den Trägern dient vornehmlich das Portal für berufliche Aus- und Weiterbildung KURSNET der Bundesagentur für Arbeit. Hier können die Interessent*innen aus einem Angebot von 140 in Berlin zugelassenen Trägern mit insgesamt 350 Kursorten wählen. Entscheidungskriterien sind neben der entsprechenden Kursart (z.B. allgemeiner Integrationskurs, Integrationskurs mit Alphabetisierung, Zweitschriftlernerkurs etc.), dem passenden Kursmodul und dem Kursbeginndatum vor allem die örtliche Lage des Kursortes (auch von Relevanz für Fahrtkostenzuschüsse) und Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis.
Im großen Kursangebot könnte nun ein erster Grund für die zitierten langen Wartezeiten liegen. Die Interessent*innen verteilen sich auf die Vielzahl der Angebote und bei den einzelnen Anbietern kommen oft keine tragfähigen Gruppengrößen für den geplanten Starttermin zusammen. Die Teilnehmendenzahl beträgt in einem allgemeinen Integrationskurs maximal 25 Personen. Je nach individuellen Voraussetzungen bei den Anbietern beginnt der „Break-Even“ bei einer Anzahl von 15 Teilnehmenden. Mit darunter liegender Anzahl sind die einzelnen Module des Integrationskurses aus wirtschaftlicher Sicht defizitär und werden von den Anbietern daher terminlich verschoben oder ganz abgesagt. Die Absage erfolgt in der Regel aber erst kurz vor geplantem Beginn, da bis zuletzt die berechtigte Hoffnung besteht, die noch fehlenden zwei/drei Teilnehmer*innen zu akquirieren. Und schließlich hat der Anbieter bereits Ressourcen bereitgestellt und ist in Verpflichtungen gegenüber seinen Lehrkräften getreten. Eine Kursabsage bedeutet für die Interessent*innen dann, dass die Suche nach einem neuen Kurs von vorn beginnt. Zu diesem Zeitpunkt können seit der Beratung im Jobcenter dann bereits schon sieben Wochen vergangen sein. Mit einer eventuell nochmaligen Wartezeit von sechs Wochen für einen Kurseintritt bei einem anderen Anbieter kommen dann in der Summe schnell drei Monate zusammen.
Da nicht nur ein Kurs mit weniger als z.B. 15 Teilnehmenden, sondern auch jede Kursabsage wegen der schon bereitgestellten Ressourcen ein finanzielles Risiko für den Anbieter bedeutet, gehen immer mehr Integrationskursträger Kooperationsgemeinschaften mit anderen Anbietern ein. Über ein abgestimmtes Angebot zu Kursart und -beginn kann dies zu einer Konzentration der Interessent*innen mit in Folge zügigeren Kurseintritten führen. De facto bewirken diese Kooperationen also eine Reduzierung des Angebots. Derartige Kooperationsvereinbarungen werden zwar vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bereits im Anbieterzulassungsverfahren zwingend gefordert, wurden in der Praxis aber oft nicht gelebt. Die Krux dabei ist, dass die Teilnehmenden nicht einfach von einem Anbieter zu einem anderen weitergeleitet werden können, da ihnen eine freie Trägerwahl zusteht. Eine Einschränkung dieser freien Trägerwahl sieht das beim BAMF angesiedelte aktuelle Modellvorhaben „Test- und Meldestelle“ (TuM) vor. Im ersten Schritt des Vorhabens werden neu angekommene Geflüchtete auf ihren Sprachstand bezogen eingestuft und auf Basis der in KURSNET hinterlegten Angebote gezielt zugewiesen. Erste Erfahrungen zeigen, dass viele der „Zugewiesenen“ dort aber nicht ankommen. Das Modellvorhaben soll sukzessive weiter ausgebaut werden.
Bei den im o.g. Artikel ebenfalls angesprochenen Berufssprachkursen nach §45a AufenthG (sog. DeuFöV-Kurse bzw. BSK) bezieht sich der FAZ-Artikel zwar lediglich auf eine Teilgruppe der Teilnahmeberechtigten, nämlich die der Geflüchteten, aber die Verhältnisse sind grundsätzlich ähnlich wie in den BAMF-Integrationskursen. Für die Durchführung dieser – bisher hauptsächlich als Anschluss an die Integrationskurse konzipierten – Kurse haben in Berlin 84 Träger mit insgesamt 149 Kursorten eine Zulassung erhalten. Die Angebote für die Sprachfördermodule sind ebenfalls in KURSNET hinterlegt, die Frist bis zum Kursbeginn beträgt allerdings lediglich vier Wochen. Die Einhaltung dieser Frist wird von den beteiligten Stellen (Jobcenter und BAMF) streng beobachtet und soll zukünftig auch strukturiert evaluiert werden. Bei Überschreitung der Frist wurden von einigen Jobcentern bereits diesbezügliche Erklärungen eingefordert. Die Analyse lässt vermuten, dass ähnlich wie bei den Integrationskursen ein Überangebot von Kursen ursächlich ist. Ohne vertrauensvoll gelebte Kooperationen mit anderen Anbietern ist eine erfolgreiche Umsetzung der Vorgaben kaum möglich. Daher werden sich auch bei den BSK tatsächlich gelebte Kooperationsgemeinschaften herausbilden. Vorteilhaft für beschleunigte Übergänge und kurze Wartezeiten ist, dass Anbieter beide Kursformate im eigenen Haus anbieten, also sowohl Integrationskursträger sind als auch über die BSK-Zulassung verfügen.
Bei den Berufssprachkursen haben die Interessent*innen ebenfalls freie Trägerwahl.  Ausnahme sind die aktuell bundesweit startenden Kombinationsangebote KomBer, die einen BSK in Kombination mit beruflichen Inhalten zum Ziel haben.

Bei KomBer handelt es sich um Vergabemaßnahmen der Jobcenter mit Zuweisung der Teilnehmenden. Diese Zuweisungspraxis könnte bei den herkömmlichen BSK allerdings bewirken, dass sich für diese weniger Interessent*innen melden, da von den Jobcentern vorzugsweise Berechtigungen für die BSK in den KomBer-Maßnahmen ausgestellt werden, damit diese rechtzeitig mit den vorgesehenen TN-Zahlen starten. Dadurch könnten zusätzliche Wartezeiten bei den herkömmlichen BSK entstehen.
Zusammenfassend kann – so paradox es auch klingen mag – resümiert werden, dass ein sehr großes Angebot einem schnellen Kursantritt eher hinderlich ist. Über dieses strukturell bedingte Problem hinaus gibt es auch weitere, insbesondere Personenbezogene Faktoren, die einen schnellen Kursantritt negativ beeinflussen können. Dies sind z.B. individuelle Hinderungsgründe wie Krankheit, vermehrte Umzüge von Geflüchteten, Zuständigkeitswechsel.